Ratgeber Fenster

Gute Neubauten, bestechen durch zwei Eigenschaften: ihre kompakte Bauweise – wenig Oberfläche, wenig Energieverluste – und grossflächige Fenster an der Südfassade. Passive Solargewinne sind heute ein fundamentaler Faktor im Energiesystem Gebäude – in hocheffizienten Häusern decken sie in der Regel mehr als die Hälfte der gesamten Verluste. Fenster spielen dabei die Hauptrolle. Die transparenten Bauteile müssen Solarenergie ins Gebäude hinein, Wärmeenergie aber nicht wieder heraus lassen. Sie beeinflussen die Energiebilanz und letztlich den Energieverbrauch eines Gebäudes damit massgeblich. Speziell für Passivhäuser und Minergie-P-Bauten, aber auch für Minergie-A-Häuser müssen Fragen bezüglich Planung, Evaluation und Ausschreibung von geeigneten Fenstern zufriedenstellend beantwortet werden.

Minergie- und Topfenster

Ein energieeffizientes Gebäude ohne gute Fenster gibt es nicht – das ist Fakt. Der Verein Minergie und das Label „Topfenster“ zeichnen in der Schweiz gute Fenster aus, die für den Einsatz in Passiv-, Minergie-P- und Minergie-A-Häusern in Frage kommen. Sie beantworten damit die Frage nach dem Fenstersystem und helfen Architekten, Planern und Bauherrschaften bei der schwierigen Auswahl. Wie unterscheiden sich Minergie-Fenster und Topfenster? Vor allem im Aussehen: Bei Passivhausfenstern fällt der dicke, hochgedämmte Rahmen auf – im Gegensatz zu Topfenstern, die vergleichsweise grosse Glasanteile und schlanke Rahmenkonstruktionen aufweisen. Der Grund dafür liegt in den unterschiedlichen Bewertungsmethoden.

Der Verein Minergie bewertet die Transmissionswärmeverluste des Fensters anhand der U-Werte für Rahmen und Verglasung und der Wärmebrückenverluste an den Schnittstellen Verglasung-Rahmen und Rahmen-Gebäude. Mit diesen Werten lässt sich ein Gesamt-U-Wert berechnen, der die Wärmeverluste des eingebauten Fensters quantifiziert. Die Bedingung an die Rahmenqualität von Minergie- und insbesondere von Minergie-P-Fenstern verlangt implizit hochgedämmte Rahmen, die nicht mit schlanken Konstruktionen ausgeführt werden können.

Beim Topfenster kommt ein anderer Ansatz zur Anwendung. Man geht davon aus, dass die Solargewinne bei der energetischen Bewertung des Fensters für die Gesamtbilanz des Gebäudes sehr wichtig sind – und bewertet die Fenster mit einer Gesamtenergiebilanz (Transmissionswärmeverluste minus Solargewinne). Damit erzielen auch Fenster mit schlanker Rahmenkonstruktion und höherem Glasanteil gute Werte.

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Der Topfenster-Vergleich lässt zwei interessante Schlussfolgerungen zu. Ein Topfenster mit weniger stark gedämmtem Rahmen schneidet in der Gesamtenergiebilanz nicht schlechter ab als ein Minergie-Fenster. Dies liegt daran, dass die schlechteren Rahmen-U-Werte von Topfenstern (0,8 bis 1,4 W/m2K) durch den grösseren Glasanteil nicht mehr so stark ins Gewicht fallen. Möglich ist dies durch tiefe U-Werte von heute gängigen 3-fach-Verglasungen (0,5 W/m2K mit Krypton und 0,6 W/m2K mit Argon) und die Berücksichtigung der Solargewinne. Zudem fallen Wärmebrückenverluste an der Schnittstelle Rahmen-Gebäude im Verhältnis zur Fensterfläche weniger ins Gewicht, wenn anstatt vieler kleiner Fenster wenige grosse eingesetzt werden. Zwei einfache Konstruktionsregeln ermöglichen es, auf die – wegen ihren hochgedämmten Rahmen – teuren Passivhausfenster zu verzichten. Innovative Fenstersysteme mit grossen Gläsern und schlanken Rahmen sind deshalb auch in hocheffizienten Gebäuden anwendbar – zur Freude von Architekten und anspruchsvollen Bauherrschaften.

Zwei Fliegen auf einmal

Topfenster sind energieeffizient, ohne Frage. Die gute Isolation bringt aber noch einen anderen, entscheidenden Vorteil: Auch bei sehr tiefen Aussentemperaturen weicht die Temperatur an der inneren Oberfläche nur um wenige Grad von der Zimmertemperatur ab. Folglich sammelt sich an der Fenster-Innenseite kein Kondenswasser an, das zu Bauschäden führen würde.

Grafik: Isothermen im Anschlussbereich eines eingebauten Topfensters.

Infoplus

Publikationen

  • Faktor Fenster: Hintergrundinformationen und Auswahlhilfen für Qualitätsfenster. www.faktor.ch (Juni 2011)

Links

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07/2011 Sigrist/Humm/Kulawik